Buch der Woche: Roland Jahn „Wir Angepassten. Überleben in der DDR“

Wenn ich an die DDR denke, denke ich vor allem an meine Kindheit. Klar, war ich doch zur Wende 9 Jahre alt, in der 4. Klasse und damit der letzte Jahrgang, der noch Thälmann-Pionier geworden ist. Ansonsten hat der Staat keine große Rolle gespielt. Natürlich, die schönen Sachen aus der Werbung gab es nur, wenn mal wieder ein Westpaket eingetroffen ist oder Oma und Opa vom Besuch aus dem Westen wiedergekommen sind, aber selbst das war relativ oft. Das aber nicht alles so toll war, wie in meinen (schon damals) geliebten Fernsehserien , hab ich erst relativ spät mitbekommen, im Juni 1989 während des Straßenmusikfestivals in Leipzig, als Leute vor der Thomaskirche von der Polizei zusammengeschlagen und auf LKWs verfrachtet wurden. Wie mein Leben in der DDR gewesen wäre, wenn es die Wende nicht gegeben hätte, weiß ich natürlich nicht… Anpassung und hoffen, mit dem Staat nicht in Konflikt zu geraten oder Opposition mit allen Konsequenzen.

Wie solch ein Leben verlaufen kann beschreibt Roland Jahn, Leiter der Stasiunterlagenbehörde, in seinem 2014 erschienen Buch „Wir Angepassten. Überleben in der DDR“*. Erhältlich ist es in der Paperback-Ausgabe für 9,99€.

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1953 in Jena geboren, wurde er 1977 vom Studium der Wirtschaftswissenschaften exmatrikuliert und 6 Jahre später aus der DDR zwangsausgebürgert.

Orientiert an der eigenen Lebensgeschichte und anhand von Schicksalen und Erfahrungen von Familienangehörigen und Freunden, entwickelt Jahn ein sehr intensives, teils beklemmendes und aber immer abwechslungsreiches Bild vom Alltag in der DDR und den zum Teil weitreichenden Entscheidungen, die jeder DDR-Bürger im Laufe seines Lebens zu treffen hatte. So sind die Verhaltensweisen Anpassung und Widerspruch im Alltag keinesfalls zu trennen, sondern in vielen Fällen war es ein ’sowohl als auch‘. Während sich viele Bücher über das Leben in der DDR zwischen den zwei Extremen „Ostalgie“ und „Diktatur/ Unrechtsstaat“ bewegen, ist in diesem die innere Zerrissenheit sehr gut dargestellt, die Angst, mit dem eigenen Verhalten vor allem Familie und Freunden zu schaden. Trotz der persönlichen Lebensgeschichte geht es dabei nicht um Rache, sondern um Aufklärung und dem Angebot, kritisch über die eigene Vergangenheit nachzudenken.

Entgegen meiner üblichen „Leseweise“ hab ich für  dieses Buch  einen längeren Zeitraum gebraucht, es öfters weggelegt und stattdessen andere Bücher gelesen. Trotzdem (oder gerade deshalb?) ist es für mich aber das authentischte und ehrlichste Buch, was ich bisher über die DDR gelesen hab!

*kostenloses Rezensionsexemplar

Dieser Beitrag entstand mit freundlicher Unterstützung des Piper-Verlages!